Charismatische Gemeinden prägen die Länder des Südens. Ihre konservative Frömmigkeit mit neuen Geschlechterrollen wird auch den Alten Kontinent erschüttern.
VON PHILIP JENKINS |
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|  Illustration: Nicola Schaller/Die Kleinert

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 Die Zahlen sind erstaunlich. Im Jahr 1900 lebten in Afrika zehn Millionen Christen, dies entsprach etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2000 ist ihre Zahl auf 360 Millionen angestiegen – dies sind 46 Prozent der Bevölkerung des Kontinents. Im Jahr 2020 werden vermutlich 600 Millionen Christen in Afrika leben. Dann werden Afrika und Lateinamerika darum streiten, wem der Titel „Kontinent mit den meisten Christen“ gebührt. Doch schon ein paar Jahre später wird Afrika diesen Wettkampf für sich entscheiden. Im Jahr 2040 wird wohl auch Asien Europa, was die christliche Bevölkerung angeht, übertreffen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich der Schwerpunkt des christlichen Glaubens maßgeblich in Richtung Äquator verschoben. Spektakulär ist diese Veränderung innerhalb der katholischen Kirche: Im Jahr 2020 werden über 70 Prozent ihrer Mitglieder in Asien, Afrika und Lateinamerika ansässig sein. Diese Tatsache sollte dazu führen, dass die katholische Kirche sich viel stärker als bisher in der Weltpolitik für die Belange des „globalen Südens“ engagiert. Dazu gehören Diskussionen über den Klimawandel genauso wie die Verteilung der Ressourcen.
Vor allem zwei Gründe sind für die weltweite Hinwendung zur religiösen Bindung erkennbar: Zum einen das Scheitern der säkularen Ideologien, die in den Sechzigerjahren vielen Menschen noch vielversprechend erschienen. Besonders nach der Wirtschaftskrise der Jahre 1973 bis 1975 konnten viele Staaten ihr Versprechen nicht einlösen, für Wohlstand und Sicherheit zu sorgen. In einer Reihe von Ländern ist eine Bewegung vom Land in die Städte auszumachen. Millionen Migranten ließen und lassen sich von ständig weiter wachsenden städtischen Komplexen anziehen. Dort können nicht einmal die einfachsten Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt werden.
In einer solchen Situation übernehmen Kirchen und Moscheen Aufgaben, die eigentlich dem Staat obliegen. Religiöse Einrichtungen bieten soziale Hilfestellung, Erziehung und Gesundheitsfürsorge, wenn über staatliche Stellen nichts zu bekommen ist. Je schwächer der Staat und seine Mechanismen geworden sind, um so wichtiger wird die Rolle der Kirchen und der religiösen Ideologien.
Wenn ganze Volkswirtschaften von einem Konjunkturrückgang erfasst werden, wie es derzeit in der globalen Krise der Fall ist, fallen auch staatliche Leistungen und Hilfen knapper aus, und kirchliche Institutionen, die einspringen, gewinnen an Anziehungskraft. Ohne Kirchen – oder Moscheen – können die Armen nicht überleben. Es ist wenig wahrscheinlich, dass sich das Blatt innerhalb des nächsten Jahrzehnts wenden könnte. Auch die Demografie spielt eine wichtige Rolle. Die Bevölkerung im globalen Süden wächst im Verhältnis zur Weltbevölkerung besonders schnell. Im Jahr 1950 kamen 2,4 Europäer auf einen Afrikaner. Im Jahr 1995 erreichte die Anzahl der Europäer und Afrikaner in etwa Gleichstand, doch im Jahr 2020 kommen 1,8 Afrikaner auf jeden Europäer.
Die Zahl der Christen und Muslime würde selbst dann weiter zunehmen, wenn sich keine neuen Konvertiten zu einer der beiden Religionen bekennen würden. Doch natürlich schließen sich weiterhin viele Menschen diesen Religionen an. Millionen suchen heute ihr Heil in Formen des Glaubens, die den Einzelnen mehr einbeziehen und stärker fordern. Und während die Zahl in Afrika und Asien gewaltig zunimmt, bringen Millionen Migranten die ihnen vertrauten religiösen Traditionen mit nach Europa – nicht nur den Islam, sondern auch ihre andersartig geprägten christlichen Traditionen. Im Jahr 2020 werden in europäischen Städten Kirchen aus Nigeria und dem Kongo, aus Brasilien und den Philippinen nicht mehr unüblich sein.
Dass die Zahl der Christen in einigen Teilen der Welt stärker wächst als in anderen, muss sich nicht automatisch auf den Charakter des Glaubens auswirken. Doch die Kirchen und Gemeinschaften, die von den Veränderungen der letzten Jahre am stärksten profitiert haben, sind doch sehr viel anders als die christlichen Kirchen, die den meisten Europäern vertraut sind. Der christliche Glaube, wie er im globalen Süden anzutreffen ist, wird von den charismatischen Glaubensgemeinschaften und den Pfingstkirchen geprägt. Kennzeichnend sind der gefühlsbetonte Gottesdienst und die direkte Erfahrung spiritueller Gaben. Diese Glaubensform richtet sich vor allem an Menschen, denen nichts bleibt außer ihrem Glauben an Gott und das Übernatürliche.
Die erfolgreichsten religiösen Gemeinschaften behaupten, sie könnten mit spirituellen Mitteln körperliche, geistige und seelische Gebrechen heilen. Besonders schnell wachsende Kirchen organisieren große Heilungsmissionen, Erweckungsversammlungen und Wunderkreuzzüge. Diese Gemeinschaften werden solange starken Zulauf haben, bis die Menschen in diesen Gesellschaften endlich Zugang zu adäquaten staatlichen Sozialeinrichtungen sowie verlässlicher und bezahlbarer Gesundheitsfürsorge bekommen.
Überall auf der Welt leisten die Kirchen mit ihren sozialen Einrichtungen wichtige Arbeit, doch auch in anderer Hinsicht übernehmen sie staatliche Aufgaben, und dies wird bis zum Jahr 2020 noch wichtiger werden. Überall im globalen Süden besitzen Pfarrer und kirchliche Unternehmer einen höheren Status und größeres Prestige als die Politiker: Sie zeigen Autorität und Führungsstil auf eine völlig neue Art. Die Evangelisten und Prediger der „Megakirchen“ bedienen sich häufig neuer Medienformen, um selbst berühmt zu werden. Wahrscheinlich werden einige dieser Prediger noch vor dem Jahr 2020 versuchen, die politische Führung in ihrem Land zu übernehmen, wobei besonders die Länder infrage kommen, die durch die globale Wirtschaftskrise besonders schwer betroffen sind. Brasilien wäre ein Spitzenkandidat für ein derartiges Szenario. Die Evangelisten haben ihre populistische Botschaft bereits abgepackt, sie haben die Infrastruktur und das Potenzial, um belastbare politische Machtmechanismen zu schaffen.
Welchen Einfluss diese Mischung aus Religion und Politik haben kann, lässt sich in Ländern wie Peru, Chile und Kolumbien, in Südkorea oder in fast jedem afrikanischen Staat südlich der Sahara erahnen. Möglicherweise steht ein neues Zeitalter bevor, in dem viele Länder unter kirchlicher Führung stehen oder sogar als Theokratie firmieren, und das nicht nur im Iran.
Aus vielen Gründen werden deshalb traditionalistische und fundamentalistische Religionen in Zukunft weiter bestehen und sogar wachsen, zumindest in weiten Teilen der Welt. Für viele Europäer sind diese Veränderungen deprimierend oder sogar beängstigend: Man kann sich fragen, ob die Idee der Aufklärung auf dem Spiel steht. In Fragen der Moral und Sexualität sind die Kirchen des globalen Südens sehr konservativ, sogar reaktionär. So hat sich die Anglikanische Kirche über das Thema Homosexualität gespalten.
Obwohl viele der neuen Kirchen zu einigen Themen eine konservative Haltung einnehmen, sind sie doch offen für progressive soziale und wirtschaftliche Blickweisen. Es mag überraschend klingen, doch könnten sie innerhalb der traditionellen Gesellschaften mächtige Kräfte zur Modernisierung entwickeln. Zum einen helfen religiöse Strukturen einfachen Leuten, mit den schnellen Veränderungen in ihrem Umfeld besser fertig zu werden, zum anderen helfen sie diesen Gemeinschaften, den Anschluss an eine Gesellschaft zu finden, die sich weiterentwickelt und modernisiert. Die größte Hoffnung, dass Länder in Afrika und Lateinamerika befähigt werden, ihre Volkswirtschaften gut zu entwickeln, beruht auf diesem neuen Trend.
Die neueren christlichen Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika predigen viktorianische Werte, die ihren Mitgliedern das Rüstzeug mitgeben sollen, damit sie als Arbeitskräfte und in der modernen Wirtschaft funktionieren. Die Kirchen, insbesondere die neueren unabhängigen und charismatischen Gemeinden, fördern eine neue Arbeitsmoral: Sie lehren Werte wie Selbstvertrauen, Sparsamkeit, Selbstdisziplin und Familienzusammenhalt. Sie erwarten Nüchternheit – und das in einer Gesellschaft, die von Drogen und Alkohol förmlich überschwemmt wird. Die Heilungsmissionen haben das Ziel, die Gläubigen von Maßlosigkeit und Genusssucht zu befreien.
Zusammengenommen könnte mithilfe dieser neuen Wertvorstellungen durchaus eine Zivilgesellschaft geschaffen werden, die der europäisch-amerikanischen Tradition in etwa entspricht. Möglicherweise mit einer Unternehmenskultur, der wichtigsten Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Im Zusammenhang mit Brasilien könnte dies entscheidend werden, denn dort werden im Jahr 2020 etwa 25 Prozent der Einwohner einer protestantischen oder Pfingstkirche angehören. Damit ist ein massiver gesellschaftlicher und kultureller Wandel verbunden, möglicherweise eine bevorstehende Revolution.
Die neuen Kirchen dienen als Übungsfeld für demokratische Mitwirkung, und zwar für Menschen aus den untersten Schichten und rechtlose Minderheiten. In den neuen Kirchen können einfache Leute Selbstbewusstsein bekommen und Führungsaufgaben übernehmen. Mit Worten des Soziologen David Martin bekommen sie „Feuerzungen“. Sie werden ermutigt, öffentlich zu sprechen und selbstständig Organisationsaufgaben zum Wohl der Gemeinschaft durchzuführen. In den nächsten zehn Jahren wird dieser Trend dazu beitragen, eine erweiterte Zivilgesellschaft zu schaffen. Das Christentum ist alles andere als Opium für die enterbten Massen. Es bietet ein nützliches Umfeld, in dem die Menschen ihr Alltagsleben verbessern können.
Diese neuen Möglichkeiten sind für Frauen besonders wichtig. Schon im 19. Jahrhundert hatten die Evangelikalen in England und Nordamerika dazu beigetragen, ein neues und erhöhtes Bild von Familie und häuslichem Leben zu schaffen. Zudem wird Männern viel mehr Verantwortung aufgebürdet und Treue abverlangt, als in ihrem traditionellen Umfeld üblich. Die Betonung häuslicher Werte wirkt im positiven Sinne umgestaltend auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern – die Wissenschaftlerin Elizabeth Brusco hat dafür den einprägsamen Begriff „Macho-Reformation“ gefunden.
Mitglied einer Pfingstkirche oder einer neuen unabhängigen Kirche zu sein heißt für arme Frauen, dass sich ihr Leben enorm verbessert, denn dort ist der Ort, wo sie am ehesten einen Mann finden können, der nicht die Mittel der Familie mit Trinken, Spielen oder Prostituierten durchbringt oder der sich sogar einen zweiten Haushalt leistet. Natürlich sind aus diesen Gründen die Frauen die wichtigsten Konvertiten, die sich den neuen Kirchen zuwenden, und Frauen übernehmen auch die wichtigsten unter den für Laien bestimmten Führungsaufgaben.
Was sich noch gravierender auswirken wird: Die Rolle, die Frauen in den neuen christlichen Kirchen spielen, bedeutet, dass die christliche Glaubenslehre sich mit Themen wie Beziehungen der Geschlechter zueinander und ihre Sexualität befasst. Wahrscheinlich läuft das darauf hinaus, dass die Christen des globalen Südens sich schon bald mit den kulturellen Konflikten auseinandersetzen müssen, die die Religion in Europa stark beeinflusst haben. Die daraus folgenden gesellschaftlichen Veränderungen werden weitgehend sein.
In vielen Bereichen wird die Religion eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Welt des Jahres 2020 zu gestalten. Nur der simple, primitive Glaube an den Säkularismus könnte uns daran hindern, dies zu erkennen.
Philip Jenkins ist Religionshistoriker. Er lebt und forscht in den USA. 2008 erschien im Herder Verlag sein Buch „Gottes Kontinent? Über die religiöse Krise Europas und die Zukunft von Islam und Christentum“. Aus dem Englischen übersetzt von Dorothea von Glinski.
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| Merkur spezial – Kirche 2020 |
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