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| 29.07.2010 |
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Seuchenexperten werten die große deutsche Impfkampagne 2009 als einen Schlag ins Wasser. Was die Behörden künftig besser machen müssen.
VON KAI KUPFERSCHMIDT |
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|  UNSCHULDIG: Dass der Erreger vom Schwein auf den Menschen übersprang, ist nicht bewiesen. Foto: James Whittaker/istockphoto

| Schweinegrippe, war da was? Während in Deutschland im vergangenen Jahr die „größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik“ anlief, spekulierten die einen über Millionen Tote und Milliarden Kranke auf der ganzen Welt, während andere von Panikmache sprachen. Die Bevölkerung aber blieb weitgehend cool. Laut einer Umfrage im Auftrag des Robert-Koch-Instituts (RKI) fühlten 80 Prozent der Deutschen sich nie persönlich durch das Virus bedroht.
Das ist nur eine von zahlreichen bemerkenswerten Zahlen, die zurzeit diskutiert werden. Seit Monaten beschäftigen sich Virologen, Mediziner und Pandemie-Experten mit der Aufarbeitung der Schweinegrippe. Ob deutsche oder europäische Seuchenschutzbehörde, ob Weltgesundheitsorganisation oder Europäische Kommission, alle blicken zurück und stellen sich die Frage: Was haben wir gelernt?
Noch im Oktober 2009 zitierte die „Bild“-Zeitung Adolf Windorfer, den früheren Leiter des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, mit der Warnung, in Deutschland sei auch bei einem milden Verlauf der Grippeepidemie mit bis zu 35 000 Toten zu rechnen. Ein Dreivierteljahr später steht die offizielle Zahl der Toten hierzulande bei 253. Gab es also nur eine Panikpandemie um einen harmlosen Virus?
Ganz so simpel ist die Sache nicht. Eine Krankheit, die weltweit 18 000 Todesopfer fordert, muss man ernst nehmen. Zumal das neue Virus im Gegensatz zur saisonalen Grippe vor allem jüngeren Menschen zu schaffen machte. Außerdem gab es viele ungewöhnlich schwere Erkrankungen. „Unsere Plätze für künstliche Beatmung waren über Wochen belegt, und das sah in Hannover oder Bonn genauso aus“, sagt Georg Peters, Virologe am Universitätsklinikum Münster. „Ich kann mich aus den letzten Jahren an keinen einzigen solchen Fall bei der saisonalen Grippe erinnern.“
Trotz solcher Besonderheiten in Einzelfällen war das Virus allerdings weniger gefährlich als von vielen befürchtet. „Der Verlauf war deutlich milder und die Zahl der Erkrankungen deutlich niedriger, als wir erwartet hatten“, sagt Hans-Dieter Klenk, Grippeexperte an der Universität Marburg. Die ersten Zahlen und Berichte aus Mexiko ließen Schlimmeres vermuten, weil dort vor allem die heftigen Fälle auffällig geworden waren.
Johannes Löwer sieht hier den entscheidenden Fehler. Als damaliger Chef des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) hat er die Entwicklung im vergangenen Jahr aus nächster Nähe verfolgt. Denn das Bundesinstitut wacht über die Sicherheit von Impfstoffen. „Zu einer Pandemie gehört eigentlich, dass gegen das neue Virus in der Bevölkerung kein Immunschutz besteht“, sagt der Virologe. Das macht neue Grippeviren so gefährlich: Weil sie sich stark verändert haben, sieht das Immunsystem sich einem ganz neuen Eindringling gegenüber – erst einmal quasi schutzlos.
„Wir Wissenschaftler sind bei H1N1 viel zu schnell davon ausgegangen, dass das zutrifft, aufgrund relativ weniger Daten der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC. Das war ein ganz wesentliches Problem“, erklärt Löwer. Tatsächlich habe sich das Virus stärker von den saisonalen Grippeviren unterschieden als üblich, aber eben auch nicht so stark. „Das müssen wir in Zukunft nach ganz harten Kriterien prüfen“, sagt er. Außerdem sollte diese Neuartigkeit des Virus Teil der Pandemie-Definition werden.
Mehr gestritten wurde aber über einen anderen Aspekt der Pandemie- Definition: Die Schwere der Krankheit. Immer wieder wurde behauptet, die WHO habe dieses Kriterium kurz vor der Schweinegrippe aus der Pandemie-Definition gestrichen, um kräftig Alarm schlagen zu können und so den Pharmafirmen einen phänomenalen Profit zu bescheren. Aber die Schwere der Krankheit war nie Teil der Pandemie-Definition und konnte daher auch nicht wieder entfernt werden.
„Ist die Schwere der Krankheit eine entscheidende Frage? Ja, in jedem Fall!“, sagt Keiji Fukuda, der oberste Grippebekämpfer der WHO. „Aber es geht nicht darum, ob sie in der Pandemie-Definition vorkommen sollte, sondern ob sie darin vorkommen kann.“ Das sei nicht praktikabel, denn wie schwer die Erkrankungen seien, die das Virus auslöst, sei schwer zu messen und könne sich plötzlich ändern. „Die Ausbreitung des Virus lässt sich dagegen schnell messen“, sagt Fukuda.
Tatsächlich bleibt das Influenzavirus ein Rätsel. Schon im Mai 2009 hatten kanadische Forscher dessen Erbgut komplett entschlüsselt. Doch nutzbare Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von H1N1 lieferte das nicht. „Anhand des Erbgutes einzuschätzen, ob und zu wie schweren Erkrankungen es kommt, ist ungeheuer schwierig. Diese Forschung steht noch ganz am Anfang“, sagt Walter Haas, Leiter des Fachgebiets für Atemwegserkrankungen am RKI. Und Viren sind Meister der Veränderung. Auch ein eher harmlos scheinendes Virus kann durch einen kleinen Austausch im Erbgut zum Killer werden. Vorherzusagen ob, wo und wann das passiert, ist unmöglich. Ein Rest Unsicherheit bleibt immer. Im Rückblick erscheint darum auch nicht der Umgang mit dem Virus, sondern die missglückte Impfkampagne so verheerend.
Als in Deutschland am 26. Oktober die Impfungen mit dem Impfstoff Pandemrix begannen, waren große Teile der Bevölkerung verunsichert. Wie impfmüde die Deutschen tatsächlich waren, geht aus Umfragedaten des Robert-Koch-Instituts hervor. Demnach ließen sich nur acht Prozent der Bevölkerung und nur zwölf Prozent der Menschen mit Vorerkrankungen impfen. Bei den Ärzten, die durch ihren Beruf nicht nur selbst einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, sondern auch besonders gefährdete Patienten anstecken könnten, erreichte die Impfquote nur 16 Prozent.
Aus der Sicht von Epidemiologen sind derart geringe Impfraten ein Desaster. „Es ist uns nicht gelungen, den Menschen klarzumachen, dass diese Impfung wichtig ist und nicht gefährlich“, sagt Susanne Stöcker, die Pressesprecherin des PEI. Dazu hätten auch zahlreiche „selbst ernannte Experten“ beigetragen. „Wir werden dieses aus dem Boden sprießende Expertentum nicht eindämmen können“, sagt Stöcker. Umso wichtiger sei, dass in Zukunft Experten aus dem PEI noch stärker als vertrauenswürdige Ansprechpartner wahrgenommen würden. Auch die Pandemiekommission des Bundes habe sich zu ruhig verhalten, heißt es immer wieder im Rückblick. Während sich in den Medien Forscher und Ärztevertreter zu Wort meldeten, die nur am Rande mit Grippeviren oder der Pandemie zu tun hatten, hielten sich die offiziellen Berater der Bundesregierung bedeckt.
Neben Kommunikation mangelte es von offizieller Seite auch an Transparenz. Bundesbehörden und Landesregierungen verspielten viel Vertrauen. Die Verträge mit den Impfstoffherstellern blieben geheim. Der Preis für den Impfstoff ebenso. In dieser Stimmung schien vielen Menschen jede noch so hanebüchene Hypothese plausibel. Verschwörungstheoretiker beeilten sich, den Appetit auf absurde Außenseitermeinungen zu stillen. Vor allem die Behauptung, die Panik um die Pandemie sei von der Pharmaindustrie orchestriert, um Kasse zu machen, erhielt prominenten Zuspruch. „Dabei ist es sogar umgekehrt“, sagt Grippeforscher Klenk. „Die Industrie hatte an der Impfstoffproduktion eigentlich kein Interesse mehr, weil es ökonomisch nicht so interessant war. Die Gesundheitspolitik und vor allem die Wissenschaft haben die Pharmaindustrie mühsam dazu gebracht, sich wieder auf dem Gebiet zu engagieren.“
Im Rückblick sehen die meisten Experten das größte Manko aber an anderer Stelle: Viele Ärzte waren von der Impfaktion nicht überzeugt. Bei RKI-Umfragen gaben 34 Prozent der Befragten an, sich bei ihrem Hausarzt über die Impfung informiert zu haben. Nur jeder Zehnte bekam die Impfung vom Doktor ausdrücklich empfohlen. Tendenziell rieten sogar mehr Ärzte davon ab. Zum Teil mag es eine Trotzreaktion gewesen sein, weil sich die Ärzte in den Entscheidungen übergangen fühlten. Im kritischen Rückblick sind sich EU-Kommission, RKI und „Deutsches Ärzteblatt“ jedenfalls einig: Beim nächsten Mal müssen die Ärzte besser integriert werden. „Wir müssen früher an die Ärzteschaft heran und ihr die nötigen Informationen geben“, resümiert Stöcker. Nur dann könne eine Impfaktion auch erfolgreich ablaufen.
Allen Schauergeschichten über bösartige Wirkverstärker im Impfstoff zum Trotz, ist eines aber mittlerweile klar: Der eingesetzte Impfstoff war und ist sicher. Das sehen auch die Kritiker so. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, hatte noch im Vorfeld der Impfkampagne von einem „Großversuch an der deutschen Bevölkerung“ gesprochen. Diese „etwas polemische Formulierung“ würde er jetzt nicht mehr wählen, sagt er heute. Es habe aber auch stets ein zweiter Satz dazugehört: „Jedes neue Medikament ist so ein Großversuch, weil Sie nicht ausschließen können, dass es seltene Nebenwirkungen gibt.“ Heute könne man aber sagen, dass der Impfstoff sicher sei. Immerhin wurden nach Schätzungen der Europäischen Arzneimittelagentur allein in Europa knapp 31 Millionen Dosen Pandemrix verimpft.
Gewirkt hat der Impfstoff auch. Nach einer Untersuchung, die kürzlich im Fachblatt „Eurosurveillance“ erschienen ist, schützte Pandemrix fast 97 Prozent der Menschen zwischen 14 und 59 Jahren, die sich damit impfen ließen. Schlechter sah es bei Menschen über 60 aus. Hier wirkte der Impfstoff nur bei etwa 83 Prozent. Von der saisonalen Grippeimpfung ist aber bekannt, dass das Immunsystem älterer Menschen weniger stark reagiert.
Was mit dem übrig gebliebenen Impfstoff passiert, ist noch immer unklar. Von 34 Millionen gelieferten Impfstoffdosen dürften noch mehr als 27 Millionen vorhanden sein. Auf einer Konferenz der Gesundheitsminister am 1. Juli wurde nur entschieden, weiter zu prüfen, wie der Impfstoff sinnvoll verwendet werden kann.
Grundsätzlich wäre es möglich, Pandemrix in der kommenden Grippesaison wieder einzusetzen – zumindest jene Chargen, deren einjährige Haltbarkeit noch nicht abgelaufen ist. Denn die Gefahr einer Infektion mit H1N1 ist noch nicht gebannt. „Wir halten uns mit Prognosen zurück, aber momentan dominiert in der Südhalbkugel immer noch H1N1“, sagt Gérard Krause vom RKI. Anders als 2009 gäbe es aber noch andere Influenzaviren unter den nachgewiesenen Erregern.
Anfang August wird die Ständige Impfkommission ihre Impfempfehlungen abgeben. Sollte sie die Bevorzugung des pandemischen Impfstoffs zurücknehmen, würde wieder mit dem saisonalen Impfstoff gearbeitet. Der wird dieses Jahr auch Virus-Bestandteile von H1N1 enthalten.
PEI-Sprecherin Susanne Stöcker fürchtet, dass die leidige Diskussion um den Schweinegrippeimpfstoff die Impfbereitschaft in Deutschland insgesamt gesenkt hat: „Die Menschen haben nur gesehen: Das war eine Impfung gegen eine Krankheit, die überhaupt nicht so schlimm war. Warum soll ich mich dann impfen lassen?“ Diese Einstellung wäre fatal. Denn wo die Durchimpfungsrate sinkt, tauchen besiegt geglaubte Krankheiten schnell wieder auf. „Es mag zynisch klingen, aber der Erfolg des Impfens ist sein größter Feind“, sagt Johannes Löwer. „Wenn man die Krankheiten nicht mehr sieht, dann sieht man auch keine Gründe mehr, sich impfen zu lassen.“
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