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29.07.2010

IMPFUNG 
Ohne Piks gegen alle

DNA-Wirkstoffe sollen generellen Schutz vor Grippeviren bieten.

VON LUCIAN HAAS



STACHELPFLASTER: Viele feine Dornen ritzen die Haut und geben dabei den Impfstoff ab.
Foto: Georgia Institute of Technology 

Influenzaviren sind sehr wandelbar. Durch Mutationen verändern sich ständig bestimmte Eiweiße auf ihrer Oberfläche. Für das Immunsystem stellt das eine große Herausforderung dar. Denn kaum hat es Wege gefunden, ein Virus anhand seiner Hüllenmerkmale zu identifizieren und auszuschalten, schlüpfen neue Varianten im Tarnmäntelchen aus veränderten Proteinen unerkannt an der Immunkontrolle vorbei. Aus diesem Grund muss auch die Grippeimpfung bisher für jede Saison neu angepasst werden. Doch das könnte sich in Zukunft ändern.

Zwei US-Forschergruppen meldeten jüngst Erfolge auf dem Weg, einen universellen Impfstoff zu entwickeln, der gegen verschiedene Typen von Grippeviren wirkt. Die Konzepte zielen jeweils darauf, den Körper zur Bildung von Antikörpern anzuregen, die sich gegen allgemeinere Merkmale der Viren richten.

Auf der Oberfläche von Grippeviren finden sich jeweils zwei typische Proteine: Hämaglutinin (HA) und Neuraminidase. Die Struktur von Hämaglutinin ähnelt ein wenig einem Pilz mit einem tragenden Schaft und aufgesetztem Kopf. Die vom Immunsystem gebildeten Antigene heften sich typischerweise an den Kopf. Doch genau dort sorgen Mutationen häufig für Veränderungen. Der Schaft von Hämaglutinin hingegen ist bei den verschiedenen, miteinander verwandten Virustypen weitgehend identisch und stabil.

Peter Palese und Kollegen von der Mount Sinai School of Medicine in New York haben nun einen Weg gefunden, den Körper zur Bildung von Antikörpern anzuregen, die sich nicht mehr gegen den Kopf, sondern den Schaft von Hämaglutinin richten. Wie die Forscher im Fachmagazin „mBio“ berichten, erzeugten sie DNA-Moleküle, die eine Bauanleitung für „kopflose“ Hämaglutinin-Moleküle darstellen. Anschließend impften sie Mäuse erst zweimal mit dieser DNA und danach mit echten Viruspartikeln. Nach der Behandlung waren die Tiere nicht nur vor Grippeviren jenes Typs geschützt, auf dem der Impfstoff basierte, sondern auch vor anderen Subtypen. Ähnliche Ergebnisse erzielte Gary Nabel vom National Institute of Health in Maryland im Tierversuch mit einem DNA-Impfstoff, der die Bauanleitung für ein komplettes HA-Molekül enthielt. Als Nächstes sollen Pilotstudien zeigen, ob diese Strategie auch bei Menschen funktioniert. Bis ein universeller Impfstoff die erforderlichen klinischen Tests durchlaufen hat und auf den Markt kommt, dürfte es aber noch Jahre dauern.


Bis dahin könnte auch eine neue, vereinfachte Impftechnik die Marktreife erlangen: Statt einer schmerzhaften Spritze in den Muskel bekommen Patienten nur noch ein kleines Pflaster auf die Haut geklebt. Sean Sullivan und Kollegen vom Emory Vaccine Center in Atlanta haben das Verfahren gemeinsam mit Forschern des Georgia Institute of Technology entwickelt und kürzlich im Magazin „Nature Medicine“ vorgestellt.

Das Pflaster, gerade mal so groß wie eine Centmünze, weist auf seiner Oberfläche 100 Mikronadeln aus Polyvinylpyrrolidon auf, in das der Impfstoff eingeschlossen ist. Die scharfen Stacheln dringen schmerzfrei etwa einen halben Millimeter in die Haut ein. Dort lösen sie sich nach kurzer Zeit auf, wobei der Impfstoff freigesetzt wird. In Versuchen mit Mäusen, die zum Vergleich entweder per Pflaster oder mit einer intramuskulären Spritze gegen Grippeviren geimpft wurden, erwies sich die Immunisierung über die eingeritzte Haut sogar als etwas effektiver.

Sullivan hofft, mit seiner Technik das Impfen in Zukunft schneller, sicherer und einfacher zu machen. „Wir stellen uns vor, dass die Menschen sich das Pflaster bei der Apotheke holen und dann selbst zu Hause aufkleben“, sagt er. Groß angelegte Impfaktionen, zum Beispiel während einer Pandemie, wären so entscheidend einfacher durchzuführen.
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
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