Mira Magén hat ein kitschfreies Werk über kindliche Schuld und Verantwortung geschrieben.
VON MARKO MARTIN |
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|  SPITZENKRAFT: Mira Magén zählt zu Israels bedeutendsten Gegenwartsautoren. Foto: Thomas Zirnbauer/dtv

| Hat es der Leser es hier mal wieder mit jener offenbar unvermeidlichen Sorte von Soufflé-Prosa zu tun, in der es beliebt, Figuren mit universell anschlussfähigem Namen wie Anna in wichtigtuerischer Melancholie durch eine vage Existenz gleiten und unter einem Geheimnis leiden zu lassen? In diesem Fall ist der Kitschverdacht jedoch vollkommen unbegründet. Denn die Heldin dieser Geschichte trägt den Namen Anna, weil er eine Abkürzung der Vornamen ihrer Großeltern bedeutet: Ahuva und Chana.
Die Autorin des Romans„Die Zeit wird es zeigen“ heißt dagegen Mira Magén, ist und eine der profiliertesten Schriftstellerinnen der israelischen Gegenwartsliteratur und mit ihren vier vorangegangenen Romanen auch deutschen Lesern bereits bestens bekannt. Das Mädchen Anna ist dreizehneinhalb Jahre alt, als es in einer kindlichen Laune ein Fahrrad stiehlt, ihren jüngeren Bruder Tom auf den Gepäckträger hievt und ihn am Ende der wilden Fahrt vom Rad fallen sieht. Und schweigt.
Über Wochen, Monate hinweg, in denen sie mit Gott hadert und das Erwachen Toms aus dem Koma gleichzeitig erhofft und befürchtet. Währenddessen gerät das gesamte Familiengeflecht in eine schwere Krise, und nichts, aber auch gar nichts hat dies mit dem sogenannten Nahostkonflikt zu tun. Da ist etwa Mike: „Als Busfahrer der Linie 18 chauffiert er seine Träume bis zur Zentralpost in der Jaffastraße und wieder zurück in die Wohnung in Kiriat Jovel.“ Da ist seine Frau Sara, die ein Kind verliert … und da sind Annas Eltern, die von ihrer Arbeitersiedlung in Jerusalem an den Strand von Tel Aviv aufbrechen, um dem stotternden Rekonvaleszenten Tom wenigstens etwas Sonne und Meer zu schenken. Sie sind konservativ in jenem Sinne, dass sie große Veränderungen fürchten, und sie sind religiös auf verzweifelt pragmatische Weise: „Glaubst du an Gott?“ „Das hängt von Gott ab. Wenn er etwas für Tom unternimmt …“
Irgendwann in diesem Sommer aber wird das Mädchen Anna, nun selbst der Ohnmacht nahe, sich freisprechen, das heißt zu ihrer Verantwortung stehen. Wider Erwarten regeneriert sich auch Toms schwer verletztes Gehirn, doch ist dieser Roman bis zur letzten Seite bar jeglicher Klischees und routinierten Trostes.
Eher lässt er an Albert Camus’ „illusionslose Mitmenschlichkeit“ denken, die unter einem mediterranen Licht die schrecklichen Wunder unserer Existenz auszuhalten versucht. Mira Magén, die aus einem orthodoxen Elternhaus stammt, verweigert sich in diesem tief bewegenden Buch auch stilistisch jeder Süßlichkeit – und glaubt dennoch an die letztlich ethische Grundierung der menschlichen Neugier.
„Eines Tages“, lässt sie ihre Heldin Anna sagen, „werde ich studieren. Ich habe die Welt bereits ausgeschöpft. Um mehr zu wissen, muss ich studieren.“ Denn es gilt: „Seit Anna alles gebeichtet hatte, ging sie mit offenem Blick durch die Welt, und die beiden Augen, die sie hatte, reichten ihr nicht.“
Der Leser muss nicht unbedingt religiös sein, um sich bei dieser Geschichte, die nirgendwo in Richtung Lehrstück abrutscht, an das berühmte Jesuswort von der Wahrheit zu denken, die frei macht. Aber er darf sich durchaus daran erinnern – und so vielleicht auch die schöne Ergänzung zu jenem kraftvollen Satz aus dem Buch Jeremia entdecken, den Israels große Autorin Mira Magén ihrem Roman als Motto vorangestellt hat: „Herr, wenn ich gleich mit dir rechten wollte, so behältst du doch recht; dennoch muss ich vom Recht mit dir reden.“
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Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. dtv, München 2010. 396 Seiten, 14,90 Euro. |
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