Rheinischer Merkur
Die Magazinzeitung für Deutschland jeden Tag
Login Neukunde Suche
 
Merkur aktuell

Wulff sieht Beziehungen zur Schweiz auf einem guten Weg
Merkel lehnt EU-Steuer strikt ab
Kabinett billigt Integrationsprogramm
Kabinett verzichtet auf höhere LKW-Maut
UN gestehen Fehler im Kongo ein

Merkur Blog

Margot Gauck, das Führungsteam der Herzen
» Kollekte. Das Religionsblog
Thilo Sarrazin: Anregend und dürftig
» Rutz - der Blog zur Krise
Achtung, Provokation!
» Kulturdusche
Der Blog zieht um
» Der Film-Blog aus Venedig
Der Bischof, die Tauben und das PETA-Prinzip
» Kollekte. Das Religionsblog
Services
 
Facebook Facebook
Twitter Twitter
Leserbriefe
Abo-Service
Archiv
Newsletter
Stellenangebote
pdf-Ausgaben
Jobs
Kontakt
Presse
Sitemap
Mediadaten
RM-Profil
Impressum
Datenschutz
Hilfe
Startseite
 

 

 

 
StartseiteKulturLiteratur
29.07.2010

ROMAN 
Annas Wut

Mira Magén hat ein kitschfreies Werk über kindliche Schuld und Verantwortung geschrieben.

VON MARKO MARTIN



SPITZENKRAFT:  Mira Magén zählt zu Israels bedeutendsten Gegenwartsautoren.
Foto: Thomas Zirnbauer/dtv 

Hat es der Leser es hier mal wieder mit jener offenbar unvermeidlichen Sorte von Soufflé-Prosa zu tun, in der es beliebt, Figuren mit universell anschlussfähigem Namen wie Anna in wichtigtuerischer Melancholie durch eine vage Existenz gleiten und unter einem Geheimnis leiden zu lassen? In diesem Fall ist der Kitschverdacht jedoch vollkommen unbegründet. Denn die Heldin dieser Geschichte trägt den Namen Anna, weil er eine Abkürzung der Vornamen ihrer Großeltern bedeutet:
Ahuva und Chana.

Die Autorin des Romans„Die Zeit wird es zeigen“ heißt dagegen Mira Magén, ist und eine der profiliertesten Schriftstellerinnen der israelischen Gegenwartsliteratur und mit ihren vier vorangegangenen Romanen auch deutschen Lesern bereits bestens bekannt. Das Mädchen Anna ist dreizehneinhalb Jahre alt, als es in einer kindlichen Laune ein Fahrrad stiehlt, ihren jüngeren Bruder Tom auf den Gepäckträger hievt und ihn am Ende der wilden Fahrt vom Rad fallen sieht. Und schweigt.

Über Wochen, Monate hinweg, in denen sie mit Gott hadert und das Erwachen Toms aus dem Koma gleichzeitig erhofft und befürchtet. Währenddessen gerät das gesamte Familiengeflecht in eine schwere Krise, und nichts, aber auch gar nichts hat dies mit dem sogenannten Nahostkonflikt zu tun. Da ist etwa Mike: „Als Busfahrer der Linie 18 chauffiert er seine Träume bis zur Zentralpost in der Jaffastraße und wieder zurück in die Wohnung in Kiriat Jovel.“ Da ist seine Frau Sara, die ein Kind verliert … und da sind Annas Eltern, die von ihrer Arbeitersiedlung in Jerusalem an den Strand von Tel Aviv aufbrechen, um dem stotternden Rekonvaleszenten Tom wenigstens etwas Sonne und Meer zu schenken. Sie sind konservativ in jenem Sinne, dass sie große Veränderungen fürchten, und sie sind religiös auf verzweifelt pragmatische Weise: „Glaubst du an Gott?“ „Das hängt von Gott ab. Wenn er etwas für Tom unternimmt …“

Irgendwann in diesem Sommer aber wird das Mädchen Anna, nun selbst der Ohnmacht nahe, sich freisprechen, das heißt zu ihrer Verantwortung stehen. Wider Erwarten regeneriert sich auch Toms schwer verletztes Gehirn, doch ist dieser Roman bis zur letzten Seite bar jeglicher Klischees und routinierten Trostes.

Eher lässt er an Albert Camus’ „illusionslose Mitmenschlichkeit“ denken, die unter einem mediterranen Licht die schrecklichen Wunder unserer Existenz auszuhalten versucht. Mira Magén, die aus einem orthodoxen Elternhaus stammt, verweigert sich in diesem tief bewegenden Buch auch stilistisch jeder Süßlichkeit – und glaubt dennoch an die letztlich ethische Grundierung der menschlichen Neugier.

„Eines Tages“, lässt sie ihre Heldin Anna sagen, „werde ich studieren. Ich habe die Welt bereits ausgeschöpft. Um mehr zu wissen, muss ich studieren.“ Denn es gilt: „Seit Anna alles gebeichtet hatte, ging sie mit offenem Blick durch die Welt, und die beiden Augen, die sie hatte, reichten ihr nicht.“

Der Leser muss nicht unbedingt religiös sein, um sich bei dieser Geschichte, die nirgendwo in Richtung Lehrstück abrutscht, an das berühmte Jesuswort von der Wahrheit zu denken, die frei macht. Aber er darf sich durchaus daran erinnern – und so vielleicht auch die schöne Ergänzung zu jenem kraftvollen Satz aus dem Buch Jeremia entdecken, den Israels große Autorin Mira Magén ihrem Roman als Motto vorangestellt hat: „Herr, wenn ich gleich mit dir rechten wollte, so behältst du doch recht; dennoch muss ich vom Recht mit dir reden.“
 Mira Magén: Die Zeit wird es zeigen. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. dtv, München 2010. 396 Seiten, 14,90 Euro.
© Rheinischer Merkur Nr. 30, 29.07.2010
 Artikel kommentieren

 

 
Rheinischer Merkur Print-Inhalt
Probe-Abo
Archiv
Merkur Lounge
Shop | Reisen
Veranstaltungen

Literatur spezial


Sommergedichte:
Die schönsten Verse.

Die heiße Zeit des Jahres verspricht Urlaubsentspannung. Poeten machen sich oft einen anderen Reim darauf. Der Zenit des Jahres lässt die Dichter tiefer die Natur erfahren.

Kurz-Rezensionen

Barbara Gribnitz: Caroline de la Motte Fouqué
Malcolm Gladwell: Was der Hund sah
Kevin O’Brien: Die Toteninsel
Umberto Eco, Jean-Claude Carrière: Die große Zukunft des Buches
Sibylle Rieckhoff, Jürgen Rieckhoff: Die Steinzeit, das Mammut und ich
Marie N’Diaye: Drei starke Frauen



Merkur spezial


Sommerliteratur:
Sommerzeit ist Lesezeit.

Geistreiche Ferienbücher für die entspannteste Zeit des Jahres – die RM-Empfehlungen.

Spezial


Buchkultur:
Hurra, wir lesen noch.

Die klassische Lektüre stirbt aus. Der Google-Hupf ist die Lesekost der Zukunft. Doch nicht nur die Technologien sind schuld. Wie der Umgang mit der Lektüre sich radikal verändern wird.

Literatur extra


Ex libris: Leipziger Bücherfrühling 2010.
Alissa Walser, J. M. Coetzee, Hans Joachim Schädlich oder Maria Wellershoff: Neues aus der Bücherwelt zur Leipziger Buchmesse.

Literatur extra:


Ex libris: Frankfurter Buchmesse 2009.
Von Reinhard Kaiser-Mühlecker bis Dieter Wellershoff: die RM-Auswahl jener Werke, denen unserer Meinung nach Gehör verschafft werden sollte.

merkur/digital



Vorschau "film-dienst"

Der neue
„film-dienst“

vom 16.09.2010:


Oskar Roehler und „Jud Süß –
Film ohne Gewissen“.


Drucken
Versenden
Bookmark
 


top zurück

Startseite  Politik  Spezial  Wirtschaft  Christ + Welt  Kultur  Wissen  Lebensart  Merkur Plus
[ Weitere Online-Angebote der Verlagsgruppe: mymercury.de, merkur-lounge.de, filmdienst.de, funkkorrespondenz.de, merkur.tv ]
[ © Rheinischer Merkur online 2010 - merkur.de ]
[ Realisiert von pietzpluswild - agentur für digitale medien - ]