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18.03.2010

ENTWICKLUNGSHILFE 
Politische Nächstenliebe

Mit seinem Einsatz für die Armen setzt das Hilfswerk der katholischen Kirche Trends in der Projektarbeit und bringt das Thema globale Gerechtigkeit auf die aktuelle Tagesordnung.

VON ASTRID PRANGE



BEDROHTER REGENWALD:  Mit Kindern aus dem brasilianischen Amazonien wirbt Misereor für das Motto der diesjährigen Fastenaktion: „Gottes Schöpfung bewahren, damit alle leben können“.
Fotos: Misereor 

Ausgerechnet in den Armenvierteln Perus verspürte er Aufbruchstimmung. „Die Armen haben mir gezeigt, was Hoffnung ist“, sagt Misereor-Hauptgeschäftsführer Josef Sayer, und man merkt, dass diese Erfahrungen sein Leben verändert haben. Von 1981 bis 1988 arbeitete er als Priester in der Erzdiözese Cusco und gestaltete die Pastoralarbeit mit Quechua-Kleinbauern in den Anden. Danach sammelte er Erfahrungen in der Slum-Pfarrei „Señor de la Esperanza“ in Canto Grande in Perus Hauptstadt Lima.

Seitdem kämpft Sayer unermüdlich gegen die „zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit“ auf der Welt. Rund 300 Mitarbeiter in der Misereor-Zentrale in Aachen unterstützen den Geschäftsführer dabei. Es geht um die vielen kleinen Schritte, um die auf den ersten Blick unscheinbare Basisarbeit, die langfristig große gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringt. „Wir begannen Schritt für Schritt mit der Bildung von kleinen Organisationen unter den Campesinos und in den Slums“, erinnert sich Sayer an seine prägende Zeit in Peru. „Wenn sich die Menschen auch in Deutschland auf die Seite der Armen stellen, dann lässt sich politisch etwas bewegen“, ist er überzeugt.

Seit 1958 leistet Misereor seinen Beitrag gegen Krankheit und Hunger in der Welt. Das Hilfswerk der katholischen Kirche wurde damals bei der Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda gegründet. 1991 schloss es sich mit der Partnerorganisation „Not in der Welt“ in den ostdeutschen Bundesländern zusammen. Die Bilanz ist beachtlich: Seit 1958 wurden in Asien, Lateinamerika, Afrika und Ozeanien mehr als 96 000 Entwicklungsprojekte mit insgesamt 5,7 Milliarden Euro gefördert.

Frauenrechte und Kleinkredite, Unterstützung von Kleinbauern und Slumbewohnern, Kinderrechte und Klimaschutz – Misereor setzt bis heute entwicklungspolitische Trends und sorgt mit seiner Lobbyarbeit dafür, dass auch hierzulande das Thema globale Gerechtigkeit nicht von der politischen Tagesordnung verschwindet. „Wir haben eine Menge in Nord und Süd bewegt, und vieles, was heute in der Entwicklungspolitik Standard ist, hat Misereor mitgeprägt“, erklärt der für die Internationale Zusammenarbeit verantwortliche Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.


Auch die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul gehörte trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten zu den Anhängern des Hilfswerkes: „Misereor hat Nächstenliebe politisch gemacht“, lobte sie die Arbeit des Hilfswerks kurz vor Ende ihrer elfjährigen Amtszeit, denn karitativer Einsatz allein genüge nicht, um ungerechte Strukturen zu verändern. Ihr Nachfolger Dirk Niebel findet deren Engagement ebenfalls „sehr hilfreich und wichtig“.

Die Arbeit von Misereor ruht auf zwei Säulen: Einerseits gilt es, das Engagement und die Spendenbereitschaft der Menschen in Deutschland zu wecken. Andererseits sollen in Entwicklungsländern die armen Bevölkerungsschichten unterstützt und zur gesellschaftlichen Teilhabe ermutigt werden. Dabei kommen dem Hilfswerk seine direkten Kontakte zu kirchlichen Partnergemeinden in jedem Winkel der Welt zugute. So hätte es ohne den Einsatz der Kirche in dem vom Bürgerkrieg zerstörten westafrikanischen Land Liberia keinen Demokratisierungsprozess gegeben. Und auch im Kongo wäre ein Referendum über die Verfassung ohne die Unterstützung der Kirchen nicht möglich gewesen. Auf Ersuchen der kongolesischen Bischofskonferenz bildete Misereor dort 50 000 Wahlhelfer aus.

In Deutschland feierte Misereor zusammen mit der Kampagne zum biblischen Erlassjahr im Juni 1999 seinen bisher größten publizistischen und politischen Erfolg: Beim G-8-Gipfel in Köln beschlossen die anwesenden Staatschefs, einen großen Teil der Auslandsschulden der ärmsten Entwicklungsländer zu streichen. Zum G-8-Gipfel im Mai 2007 in Heiligendamm verschaffte das Hilfswerk benachteiligten Gruppen wie Kleinbauern oder Tagelöhnern eine Stimme, indem es Bischöfe aus Asien, Lateinamerika und Afrika mit hochrangigen Regierungsvertretern, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, zusammenbrachte.

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise, als Milliarden von Euro zur Rettung der Banken ausgegeben wurden, erinnerte Hauptgeschäftsführer Josef Sayer die Bundesregierung lautstark an ihr Versprechen, mehr Geld für die Bekämpfung von Armut und Hunger auszugeben: „Ich habe Bundeskanzlerin Angela Merkel gefragt: ,Sind 923 Millionen hungernde Menschen keine existenzielle Krise?‘“ Nächstenliebe sei keine Schönwetterveranstaltung und sollte deshalb in Krisenzeiten nicht automatisch außer Kraft gesetzt werden, lautet die Devise aus Aachen.

Die Nächstenliebe drückt sich auch in der wachsenden Spendenbereitschaft aus. Trotz der Wirtschafts- und Finanzkrise bleiben die Spendeneinnahmen bei rund 51 Millionen Euro stabil. Nach Angaben des jüngsten Jahresberichts verfügte Misereor im Jahr 2008 über Einnahmen von insgesamt 161,3 Millionen Euro. Das meiste Geld – 41,8 Millionen Euro – floss in den Bereich Gesellschaftspolitik. Darunter fallen vor allem Programme des Menschenrechtsschutzes und der zivilen Konfliktbearbeitung. Die politische Lobbyarbeit zur Einflussnahme auf strukturelle Rahmenbedingungen gehörte 2008 als fester Bestandteil zur Menschenrechtsarbeit von Misereor.


Zweiter Schwerpunkt sind mit 30,6 Millionen Euro und 314 Projekten die Bereiche Landwirtschaft und Ernährung. Dazu gehört die Förderung von Programmen für nachhaltige Landwirtschaft, Selbstorganisation der ländlichen Bevölkerung und für den Aufbau von Interessenverbänden. Neben landwirtschaftlichen Projekten werden auch soziale Grunddienste, Kleingewerbe sowie Spar- und Kreditprogramme unter dieser Rubrik erfasst.

Gerade unter schwierigen politischen Umständen hat sich das Konzept, auf die Förderung einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu setzen, bewährt. Als in Simbabwe 2008 in der Staatskrise die Lieferungen für Düngemittel ausfielen, was zu massiven Ernteeinbußen führte, konnten die von Misereor geförderten Programme, die ohne chemischen Dünger auskommen, ihre Erträge sogar deutlich steigern.

In Haiti gelang es, durch Projekte der kleinbäuerlichen ökologischen Landwirtschaft die gravierende Bodenerosion zu stoppen. Dank Wiederaufforstung verbesserten sich sowohl der Wasserhaushalt des Bodens als auch die Erträge beim Anbau von Maniok. Das „Brot der Haitianer“ ist ein wichtiger Baustein der Ernährungssicherung und verringert somit die Abhängigkeit von Importprodukten wie Reis, Mais und Weizen. „Der Motor der Entwicklung sind nicht externe Experten und das große Geld, sondern die Menschen vor Ort“, lautet die Devise von Heinz Oelers, Haiti-Referent bei Misereor. Statt Armenspeisungen zu organisieren und Nahrungsmittelpakete aus dem Flugzeug abzuwerfen, müsse langfristige Hilfe sich danach ausrichten, was die Menschen vor Ort stark mache.

Schon vor dem verheerenden Erdbeben war der Karibikstaat ein trauriges Beispiel für den Zusammenhang von Armut und Klimawandel. Der Teufelskreislauf zwischen Armut, die Menschen auf der Suche nach Brennholz dazu treibt, die Wälder zu fällen, und gerodeten Flächen, die landwirtschaftlich immer weniger Ertrag bringen, hat mittlerweile dazu geführt, dass Haiti 70 Prozent seines Nahrungsbedarfs importieren muss. „Die Ärmsten der Armen leiden am meisten unter den Folgen des Klimawandels“, klagt Josef Sayer. Noch mehr ärgert ihn, dass in den Industriestaaten diese Erkenntnis kaum in praktische Politik umgesetzt wird. Für Misereor gibt es deshalb auch in Zukunft noch viel zu tun.
 Verlagssonderveröffentlichung: Verlag Deutsche Zeitung GmbH, Heinrich-Brüning-Straße 9, 53113 Bonn. Verantwortlich für den Inhalt: Walther Wuttke
© Rheinischer Merkur Nr. 11, 18.03.2010
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Merkur plus – Misereor

Entwicklungshilfe: Gegen Krankheit und Hunger in der Welt
Josef Sayer: „Gottes Schöpfung bewahren, damit alle leben können“
Statements: Beispiele viefältig ansetzender Projekt-Arbeit
Aktionen: Konkrete Taten sind besser als ein großer Vorsatz
Indien: Es werde Licht. Neues Leben nach Einbruch der Dunkelheit
Haiti: Der nachhaltige Wiederaufbau und Solidarität vor Ort sind entscheidend
Transparenz: Misereor legt bei der Mittelverwendung strenge Maßstäbe an

 

 
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